Orthopädische Gelenk-Klinik

Orthopädische Gelenk-Klinik

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Bandscheibenvorfall: Regeneration und Behandlung der beschädigten Bandscheibe

  1. Was ist ein Bandscheibenvorfall?
  2. Symptome des Bandscheibenvorfalls
  3. Diagnose und Untersuchung des Bandscheibenvorfalls
  4. Die tragende Rolle der Bandscheibe
  5. Degeneration der Bandscheibe
  6. Akutbehandlung nach Bandscheibenvorfall
  7. Operation oder konservative Therapie?
  8. Operation der Bandscheibe nach Bandscheibenvorfall
  9. Regeneration nach einem Bandscheibenvorfall, ist das möglich?
BandscheibenvorfallBandscheibenvorfall: Das flüssige Innere der Bandscheibe durchbricht die zähe Hülle und tritt nach außen. Wenn diese Masse einen Nerven oder das Rückenmark einengt, kann der Bandscheibenvorfall ernste Folgen haben: Schmerzen, Lähmungen und dauerhafte Ausfälle sind möglich. © Istockphoto.com

Der Bandscheibenvorfall ist eine Ruptur der zähen, bindegewebigen Hülle der Bandscheibe mit Austreten des gallertartigen Inneren der Bandscheibe in den Wirbelkanal. Der Bandscheibenvorfall oder discus prolaps ist ein katastrophales Ereignis im Leben einer Bandscheibe, als Endpunkt einer degenerativen Entwicklung, deren Ursachen wir immer besser verstehen.

Wir haben zunehmend auch die therapeutischen Mittel, der Bandscheibendegeneration nicht tatenlos zuzusehen, sondern frühzeitig den Stoffwechsel und die Vitalität der Bandscheibe zu unterstützen.

Wir wollen im Folgenden darstellen, wie wir die Bandscheibe schon vor einem Vorfall in Richtung Regeneration und Strukturerhalt bringen können.

Was ist ein Bandscheibenvorfall?

Wesentlich für das Verständnis des Bandscheibenvorfalls ist die räumliche Nähe zwischen Bandscheiben und dem Zentralnervensystem in form des Rückenmarks. Vom Rückenmark (gelb modelliert) verzweigen sich die Rückenmarksnerven um Nervenimpulse in den Körper zu senden oder zu empfangen. Die Wirbelkörper sind sowohl über die scheibenförmigen Bandscheiben, als auch über die zarten Facettengelenke miteinander gelenkig verbunden.Wesentlich für das Verständnis des Bandscheibenvorfalls ist die räumliche Nähe zwischen Bandscheiben und dem Zentralnervensystem in form des Rückenmarks. Vom Rückenmark (gelb modelliert) verzweigen sich die Rückenmarksnerven um Nervenimpulse in den Körper zu senden oder zu empfangen. Die Wirbelkörper sind sowohl über die scheibenförmigen Bandscheiben, als auch über die zarten Facettengelenke miteinander gelenkig verbunden. © istockphoto.com

Der Bandscheibenvorfall ist das Austreten des zähflüssigem Materials (Nucleus pulposus) aus dem Kern der Bandscheibe. Durch eine Ruptur (Riss) der zähen, bindegewebigen Hülle der Bandscheibe (Anulus fibrosus), wird das zähflüssige Innere der Bandscheibe nach außen gedrückt. Meistens (zu 95%) sind die Bandscheiben der Lendenwirbel L4/L5 oder L5/S1 betroffen. Nach der Lendenwirbelsäule ist vor allem die Halswirbelsäule (C5/C6 und C6/C7) betroffen.

Typischer Auslöser: Vornübergebeugtes Heben von Lasten

Das gefürchtete Eindringen des Bandscheibeninhaltes in den Spinalkanal tritt vor allem dann auf, wenn die Bandscheibe vorne komprimiert wird, wie es z.B. durch Hochheben einer Last aus gebeugter Haltung der Fall ist: Dann wird das Bandscheibenmaterial nach Ruptur direkt in den Wirbelkanal gedrückt, in dem das Rückenmark als Teil des Zentralnervensystems verläuft.

Folgen der Bandscheibenruptur

Vor allem wenn das abgetrennte Bandscheibenmaterial (Bandscheibensequester) auf das Rückenmark drückt, sind Lähmungen, Gefühlsstörungen, Verlust von Reflexen oder brennende Schmerzen die mögliche Folge. Wenn das Rückenmark so massiv komprimiert (eingequetscht) wird, sind auch Dauerschäden möglich, weil die betroffenen Nervenleitungen evtl. sogar permanent geschädigt werden. Je länger die Nerven-Kompression dauert, um so höher ist das Risiko von Folgeschäden.

Es gibt aber auch die Möglichkeit der Rückbildungen dieser Einschränkungen, wenn nach kurzer Zeit eine Entlastung (Dekompression), z.B. durch operative Entfernung des Sequesters oder durch natürliche Rückbildung (Resorption durch körpereigene Prozesse) erfolgt.

Einige Jahre nach dem Ereignis geht es Patienten nach Operation oder nach konservativer, also abwartender Behandlung meistens ähnlich gut. Nur die kurzfristigen Ergebnisse (Schmerzfreiheit) sind innerhalb der ersten 24 Monate nach Operation besser.

Ursachen der Bandscheibenschwäche

Es gibt Hinweise auf genetische Veranlagungen: Bestimmte Genvarianten schwächen das Bindegewebe, und erhöhen die Rupturgefahr der Bandscheibe.

Meist ist der Ruptur der Bandscheibenhülle schon ein längerer degenerativer Prozess (Bandscheibendegeneration) vorausgegangen. Die Bandscheibendegeneration ist ein Verfall der Bandscheibenfunktion, meist auf Grund einer Störung im Stoffwechsel der Bandscheibe. Eine Veränderung der knorpeligen Endplatten, mit denen die Bandscheibe an die benachbarten Wirbelkörper grenzt, kann den Stoffwechsel und damit die Vitalität der Bandscheibe bereits vor dem Riss der Bandscheibe deutlich reduzieren. Durch diese Stoffwechselminderung nimmt die biologische Funkltion und Regenerationsfähigkeit der Bandscheibe bereits deutlich ab.

Langzeitfolgen für die Bandscheibe

Dieser Riss der Bandscheibenhülle ist ein schwerwiegendes Ereignis: Das Volumen der Bandscheibe vermindert sich, der Innendruck nimmt ab. Mit der Druckverminderung wird auch die Funktion und Vitalität der degenerierten Bandscheibe zurückgehen. Die Elastizität und Belastbarkeit der Bandscheibe ist nach einem Bandscheibenvorfall erheblich vermindert.

Chemische Reizung und Entzündung durch den Bandscheibenvorfall

Das ausgetretene Material aus dem Bandscheiben-Inneren (Nucleus pulposus) übt mechanischen Druck auf die umliegenden Nervenfasern aus. An der Stelle der Ruptur entsteht bis zur Rückbildung des Sequesters eine Entzündung in unmittelbarer Nähe des Zentralnervensystems. Nach einer längeren Bandscheibendegeneration ist das Bandscheibeninnere durch Sauerstoffmangel häufig übersäuert (niedriger pH-Wert) und enthält viele Entzündungshormone. Diese chemisch agressive Masse kann durch mechanischen Druck und chemische Reizung zu chronischen Schmerzen, Lähmungen oder Gefühlsstörungen führen.

Wichtige Begriffe zu Bandscheiben und Bandscheibenvorfall


Prolapsus nucleus pulposus:
Medizinischer Fachbegriff für den Bandscheibenvorfall. Dabei reißt die Faserhülle der Bandscheibe; Material aus dem Inneren der Bandscheibe tritt nach außen.

Discusprolaps:
Synonym für Bandscheibenvorfall.

Bandscheibenprotrusion:
Bandscheibenvorwölbung, die schmerzhaften Druck ausüben kann, wird verursacht durch eine instabile Bandscheibenhülle. Es ist aber noch kein Material aus dem Bandscheibeninneren (Nucleus pulposus) ausgetreten, der Faserknorpelring ist noch nicht gerissen.

Bandscheibenextrusion:
Der Anulus (Bandscheibenhülle) ist gerissen. Ein Teil des Bandscheibeninhaltes ist ausgetreten.

Bandscheibensequester:
Der Anulus ist gerissen und ein Teil des Inhaltes wird so aus der Bandscheibe herausgedrückt, dass er von der Bandscheibe vollständig abgetrennt ist.

Bandscheibendegeneration:
Alterung, Überlastung oder eine ungünstige Stoffwechselsituation lassen die Hülle der Bandscheibe brüchig werden. Sie verliert an Elastizität. Das Bandscheiben-Innere speichert weniger Wasser: Die Reissfestigkeit nimmt ab.

Akute Behandlung nach Bandscheibenvorfall

Zunächst steht nach einem Bandscheibenvorfall die Behandlung der akuten Folgen des Bandscheibenvorfalls im Vordergrund. Physiotherapie, Medikamente eine operative Entfernung sind mögliche Behandlungspfade. Bei der konservativen Behandlung wird durch schmerzlindernde Maßnahmen versucht, die Zeitspanne bis zur Rückbildung des aus der Bandscheibe ausgetretenen Materials für den Patienten erträglich zu gestalten.

Bei der operativen Behandlung wird das ausgetretene Material entfernt. In beiden Fällen wird der akute Schmerz medikamentös behandelt.

Langfristig kann die Bandscheibe nach Bandscheibenvorfall jedoch mit vermindertem Volumen und dadurch verminderter Stoßdämpfer-Funktion zurückbleiben.

Im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes müssen wir uns besonders auch über die langfristige Kräftigung und den Erhalt der beschädigten Bandscheibe Gedanken machen. Eine Bandscheibe mit reduziertem Volumen führt zu einer zunehmenden Instabilität des betroffenen Wirbelsäulensegmentes. Die knöchernen Veränderungen an der Wirbelkörpern (Bildung von Knochenspornen oder Spondylophyten) engen den verfügbaren Raum für Rückenmark und Nerven ein. Das führt zu einer Beeinträchtigung der Funktion des Nervensystems, Rückenschmerzen und zu einer Wirbelkanalstenose.

Die Therapie des akuten Bandscheibenvorfalls ist für uns daher eingebettet in die Perspektive einer langfristig bandscheibenerhaltenden oder bandscheibenregenerierenden Behandlungsstrategie. Mit diesen bandscheibenerhaltenden (Bandscheiben augmentierenden) Therapien kann dem Bandscheibenvorfall sogar vorgebeugt werden. Durch das im letzten Jahrzehnt stark verbesserten Verständnisses der Bandscheibendegeneration gibt es unterhalb der wirbelkörperversteifenden oder bandscheibenersetzenden Neurochirurgie einige neue Verfahren. Wir wollen unten einige davon vorstellen.

Langfristiges Therapieziel: Stabilisierung, Regeneration und Funktionserhalt der Bandscheibe

Ansätze zur bandscheiben- erhaltenden Therapie
  • Erhöhung des Wassergehaltes der Bandscheiben durch wasserbindende Polymere vermindert diskogene (von den Bandscheiben verursachte) Rückenschmerzen.
  • Erhöhung der Menge an vitalen Chondrozyten in der Bandscheibe: Implantation von körpereigenen Bandscheibenzellen (ADCT), die Labor nachgezüchtet werden, erhöht dauerhaft die Vitalität und das Volumen der Bandscheibe.
  • Stabilisierung perforierter Bandscheibenhüllen: Anulus-Prothesen wie z.B. Barricaid wollen eine erneute Ruptur der Bandscheibe (Re-Ruptur) verhindern.

Von gleicher Bedeutung, wie die Akutbehandlung, ist für uns daher die Vorbeugung oder Verhinderung einer erneuten Ruptur nach Bandscheibenvorfall. Dafür gibt es einige Verfahren zur dauerhaften Stärkung der erkrankten Bandscheibe, zu denen aber trotz ermutigender Zwischenergebnisse echte Lanzeiterfahrungen noch nicht vorliegen.

Die Funktion und Vitalität der Bandscheibe ist von folgenden Faktoren abhängig:

  • Wassergehalt der Bandscheibe.
  • pH-Wert (Säuregehalt) des Bandscheiben-Inneren.
  • Volumen der Bandscheibe.
  • Allgemeine Elastizität der bindegewebigen Hülle (Anulus fibrosus)

Der geschwächte Anulus fibrosus (Bandscheibenhülle) muss also möglichst schnell stabilisiert werden, um einen erneuten Bandscheibenvorfall zu verhindern. Gerade bei jüngeren, aktiven Patienten ist eine langfristige Perspektive bei beginnender Bandscheibendegeneration oder nach dem Bandscheibenvorfall von größter Bedeutung. Um eine frühzeitige Bandscheibendegeneration und Wirbelsäulenalterung zu vermeiden, wollen wir nicht nur den akuten Bandscheibenvorfall therapieren. Wir wollen vor allem vorbeugen und die Elastizität und Festigkeit der Bandscheibe langfristig erhalten und wieder verbessern.

Nach dem Bandscheibenvorfall steht die Stabilisierung der bindegewebigen Hülle und die Volumenerhöhung der gerissenen Bandscheibe im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die durch ein stabiles Bandscheibenvolumen ermöglichte Bandscheibenfunktion ist für unsere Patienten der Schlüssel zu einer schmerzfreien und belastbaren Wirbelsäule.
Stabilisierung und Regeneration der beschädigten Bandscheibe. Um diese Therapien zu verstehen, müssen wir zunächst die Lebensprozesse der gesunden Bandscheibe etwas beleuchten.

Die "tragende" Rolle der Bandscheibe in der Wirbelsäule

Die Funktion der jungen, gut funktionierenden Bandscheibe, kann man sich am besten klarmachen, wenn man an ein gut gefülltes Wasserbett denkt. Stöße werden durch den Flüssigkeitsgefüllten Kern gleichmäßig an alle Bereiche der Hülle weitergeleitet. Die Bindegewebsanteile sowohl der Hülle, als auch des aggrekanhaltigen - nicht ganz flüssigen, sondern eher gelartigen - Kerns der Bandscheibe werden durch lebendige Zellen (Chondrozyten) im Bandscheibeninneren synthetisiert. Die Lebensbedingungen und Vitalität dieser Zellen beeinflussen die Stabilität der Bandscheibe also ganz erheblich.

Es gibt drei Funktionen der biologischen Bandscheibe:

  • Funktion des elastischen Puffers:
    Mit Hilfe des hohen intradiskalen Flüssigkeitsdrucks, der mit Hilfe der zähen elastischen Hülle aufrechterhalten wird, können vertikale Stöße abgefedert werden.
  • Abstandhalter zwischen den Wirbelkörpern:
    Der durch den Flüssigkeitsgehalt des Nucleus pulposus (gallertartiger Kern) definierte Durchmesser sorgt für Abstand zwischen den Wirbelkörpern und damit für die Freiheit der Spinalnerven.
  • Beweglichkeit und Gelenkbildung zwischen den Wirbelkörpern:
    Die knorpeligen Endplatten der Bandscheibe spielen die Rolle der für die Ernährung zentral wichtigen Verbindungsschicht zwischen den knöchernen Wirbelkörpern und der dazwischenliegenden Bandscheibe.
  • Ernährung durch die Endplatten: Eine Störung oder Verknöcherung dieser sog. Endplatten stört Stoffwechsel und Ernährung der Bandscheibe ganz erheblich.

Kein Wunder, dass ein Bandscheibenvorfall so häufig ist: Die 23 Bandscheiben, die wir besitzen, dienen als Puffer und Federung zwischen den Wirbelkörpern. Sie ermöglichen als bewegliche Puffer zwischen den Wirbelkörpern die enorme Beweglichkeit der Wirbelsäule. Sie halten unglaublich viel aus: Scherkräfte und Hebelwirkungen beim einseitigen Tragen und Hochheben von Lasten vergrößern die Belastung, die bei bestimmten Bewegungen auftritt. So tragen die Bandscheiben häufig ein Vielfaches unseres Körpergewichtes.

Die in der Evolution erfolgte Anpassung der menschlichen Wirbelsäule an den aufrechten Gang vor etwa 4-5 Mio Jahren liegt relativ kurz zurück. In Verbindung mit der zunehmend sitzenden Lebensweise sehen wir mehr und mehr spezifische Anpassungsstörungen der Bandscheiben an unsere kulturell bedingt bewegungsarmen Lebensbedingungen.

Animation zum Bandscheibenvorfall

Wie ist die Bandscheibe aufgebaut?

Die Bandscheibe liegt zwischen den knöchernen Wirbelkörpern. Der flüssige Kern der Bandscheibe (Nucleus pulposus) wird umgeben durch eine dicke, elastische bindegewebige Hülle (Anulus fibrosus). Beim Bandscheibenvorfall wird diese Hülle durchbrochen: Material aus dem gallertartigen Kern dringt nach außen und drückt auf die umgebenden Nerven (Nervenwurzeln und Rückenmark) Die Bandscheibe besteht aus der zähen bindegewebigen Hülle (anulus pulposus) und dem flüssigen Kern (nucleus pulposus).Die Bandscheibe absorbiert Stöße. Sie ermöglicht als Gleitschicht zwischen den knöchernen Wirbelkörpern die normale Motorik der Wirbelsäule. Durch die Platzhalterfunktion zwischen den Wirbelkörpern ist die Bandscheibe die Grundlage für die normale Funktion des Nervensystems. Fällt die Bandscheibe aus, vergrößern sich die Wirbelkörper durch Bildung von Spondylophyten. Das engt den verfügbaren Raum für das Rückenmark und Spinalnerven ein und stört langfristig die normale Funktion des Nervensystems. © Viewmedica

Die im gesunden Zustand c.a. 1,2 cm hohe Bandscheibe liegt zwischen den knöchernen Wirbelkörpern. Der flüssige Kern der Bandscheibe (Nucleus pulposus) wird umgeben von einer dicke, elastische bindegewebige Hülle (Anulus fibrosus). Beim akuten Bandscheibenvorfall wird diese Hülle mechanisch durchbrochen: Material aus dem gallertartigen Kern dringt nach außen und drückt auf die umgebenden Nerven (Nervenwurzeln und Rückenmark).

In der Mitte der Bandscheibe befindet sich ein gallertartiger, weicher Kern: Der Nucleus pulposus. In dem Gallertkern befinden sich lebende Knorpelzellen, die Chondrozyten. Sie bilden das wasserbindende Bindegwebe des Bandscheibenkerns (u.a. Aggrekane, das sind Proteoglykane bzw. Zucker-Eiweissmoleküle), indem sie diese langkettigen Proteine synthetisieren und in die Umgebung absondern. Die Voraussetzung für die Bildung dieser Moleküle sind also intakte Lebensprozesse der Chondrozyten innerhalb der Bandscheibe. Dazu bilden Ernährung und Stoffwechsel durch einen passiven Flüssigkeitsaustausch mit der Umgebung die Grundlage: Bandscheiben sind nicht durchblutet, sondern werden durch Bewegung als Motor dieses Flüssigkeitsaustausches vital erhalten. Damit der weiche Kern der Bandscheibe seine Funktion erfüllen kann, arbeitet er gegen einen harten, elastischen Faserring aus mehreren Schichten, den Anulus fibrosus. So kann die Bandscheibe als Stoßdämpfer wirken und zugleich in allen Bewegungssituationen flexibel bleiben.

Welche Rolle spielt die Bandscheibe für die Wirbelsäule?

Die Bandscheibe liegt als elastischer Abstandshalter zwischen den knöchernen Wirbelkörpern. Von der Funktion jeder einzelnen Bandscheibe ist die Funktion der Wirbelsäule als Ganzes abhängig. Die auf beiden Seiten der Wirbelsäule austretenden Nervenwurzeln leiten Signale aus dem Gehirn in den Körper. Jedes Paar Nervenwurzeln versorgt einen bestimmten Bereich der Hautoberfläche (sensibel) und der Muskulatur (motorisch).

Jede Bandscheibe hat eine eigene klinische Symptomatik

Diese Zuordnung zu bestimmten Körpersegmenten (Dermatomen) ist für die klinische Untersuchung des Bandscheibenvorfalls sehr wichtig: Durch die genaue Lokalisierung von Gefühlsstörungen oder Bewegungsstörungen kann die Lage eines Bandscheibenvorfalls schließlich sehr genau eingegrenzt werden. Das wird weiter unten bei der klinischen Untersuchung eines Bandscheibenvorfalls genauer erklärt.

Die Bandscheibe ist ein "geringfügig ernährtes" (bradytrophes) Gewebe

Bandscheibendegeneration
Einwachsende Blutgefässe machen die Bandscheibe brüchig
Wird die Bandscheibe durch Diffusion nicht mehr ausreichend versorgt, kann die Bandscheibenhülle durch Nährstoffmangel brüchig werden. Das Einwachsen von Blutgefässen in den Anulus fibrosus (Hülle) kann die Stabilität der Bandscheibe noch weiter herabsetzen. So senken Bewegungsmangel und dadurch ausgelöste Unterernährung der Bandscheibe die Stabilität der Bandscheibe deutlich ab.

Die Bandscheibe ist ein geringfügig ernährtes, also nicht direkt durchblutetes (bradytrophes) Gewebe. Im Mutterleib wird die Bandscheibe noch über eigene Blutgefässe versorgt. Nach der Geburt erhält sie Nährstoffe und Flüssigkeit nur noch passiv: Die Ernährung erfolgt also über die sogenannten Diffusion, also den durch Bewegung und Kompression ausgelösten Flüssigkeitsstrom. Dabei saugt die Bandscheibe - vor allem Nachts, im Liegen - Wasser und Nährstoffe wie ein Schwamm aus der umgebenden Gewebsflüssigkeit auf. Tagsüber wird ein Teil der Flüssigkeit aufgrund des Körpergewichtes im Stehen und Sitzen wieder aus der Bandscheibe herausgedrückt. Deshalb verlieren wir tagsüber ein wenig an Körpergröße und gewinnen diese in der Nacht wieder zurück. Der Größenunterschied zwischen morgens und abends kann mehrere Zentimeter ausmachen.

Die körperliche Bewegung ist also ganz direkt für die Ernährung der Bandscheibe verantwortlich. Bewegt sich der Mensch zu wenig, kommt die Diffusion von Nährflüssigkeit in die Bandscheiben nicht und Gang, dann werden auch die lebendigen Chondrozyten im Nucleus pulposus nicht mehr angemessen ernährt. Die resultierende Veränderung des Milieus, vor allem pH-Wert Absenkung (Säureüberschuss) und zellbiologische Stresssignale führen langfristig zu einer Degeneration und Schwächung der Bandscheibe.

Die Degeneration der Bandscheibe

Die Bandscheibendegeneration verläuft in unterschiedlichen Stadien. © FOTOLIA @Bilderzwerg Die Bandscheibendegeneration verläuft in unterschiedlichen Stadien. Bei der INTAKTEN BANDSCHEIBE ist der flüssige Nucleus pulposus von dem zähen Annulus Fibrosus umgeben. Bei der BANDSCHEIBENPROTRUSION gibt der Annulus Fibrosus unter dem Druck des Gallerkernes der Bandscheibe: Die Bandscheibe wölbt sich vor. Beim BANDSCHEIBENVORFALL tritt das gallertartige Innere der Bandscheibe nach außen. Bei der Bildung eines SEQUESTERS löst sich der Nucleus pulposus vollständig aus dem Inneren der Bandscheibe ab. © FOTOLIA @Bilderzwerg

 

Von einem Degenerationssysndrom der Bandscheibe sind bereits 30% der 30-35-jährigen betroffen, auch wenn das bei den meisten noch nicht zu Beschwerden geführt hat. Die Bandscheibe verändert sich im Laufe des Lebens.

Degenerierte Bandscheibe © Gelenk-Klinik.de Die Bandscheibendegeneration ändert den Wassergehalt der Bandscheibe. In dem Bild sieht man eine degenerierte Bandscheibe im Segment L5/S1 (gelber Pfeil). Im Vergleich zu den benachbarten Bandscheiben ist sowohl der Wassergehalt als auch die Bandscheibenhöhe deutlich vermindert. Im MRT Bild ist diese Bandscheibe daher viel dunkler. Der noch hohe Wassergehalt des Nucleus pulposus der benachbarten Bandscheiben hellt die anderen Bandscheiben dieser Abbildung auf. Die Höhe der degenerierten Bandscheibe beträgt aber noch über 50% eine gesunden Bandscheibe. Die Begrenzung zu den Wirbelknochen (Endplatten) ist intakt und noch nicht sklerosiert. Das bedeutet, dass die Ernährungssituation dieser Bandscheibe noch gut ist. Es gibt keine erkennbaren Diffusionsbarrieren für Nährstoffe aus den Wirbelkörpern. Diese Bandscheibe würde sich daher sehr gut für eine bandscheibenerhaltende Therapie (Augmentation) eignen, wenn sie als Quelle von diskogenen (bandscheibenverursachten) Rückenschmerzen therapiert werden muss.

Degenerierte Bandscheibe © Gelenk-Klinik.de Röntgenbild einer lumbalen Wirbelsäule. Markiert (Gelber Kreis) ist eine zu mehr als 50% kollabierte Bandscheibe mit sehr geringem Flüssigkeitsanteil. Die hellen Streifen in den benachbarten Wirbelknochen sind Ödeme (Wassereinlagerungen) im Knochen. Die beiden Wirbelknochen liegen einander nicht mehr genau gegenüber, sondern sind verschoben (Instabilität des Bandscheibensegmentes). Bei einer derart degenerierten Bandscheibe ist an eine bandscheiben-augmentierende (Volumen-vergrößernde) oder bandscheibenerhaltende Behandlung nicht mehr zu denken. Wenn dieses Bandscheibenfach Beschwerden macht, muss die Bandscheibe ersetzt werden. Eine alternative Möglichkeit ist die Versteifung der beiden benachbarten Wirbelkörper, um eine schmerzhafte Instabilität des Bandschiebensegmentes zu vermeiden. Wir empfehlen hier eine Versteifung oder eine Bandscheibenprothese.

Bewegungsmangel

Normale Alterungsprozesse, aber auch Bewegungsmangel und die häufig sitzende Lebensweise, fordern Ihren Tribut. Die Bandscheibe verliert aber auch im Laufe des normalen Alterungsprozesses an Höhe und Elastizität.

Risikofaktoren der Bandscheiben-Degeneration
  • Hochgewachsene Menschen haben öfter Bandscheibenrupturen.
  • Auch ehemalige Leistungssportler können eine erhöhte Neigung zur Ruptur der Bandscheibe haben.
  • Autofahrer mit vielen Langstrecken gefährden die Bandscheiben in der Lendenwirbelsäule.
  • Es gibt eine genetische oder familiäre Disposition für Bandscheibenvorfälle.
  • Übergewicht ist ein Risikofaktor.
  • Haltungsfehler und Fehlformen der Wirbelsäule.
  • Eine traumatische Beeinträchtigung oder Überlastung der Bandscheibe kann eine degenerative Kaskade auslösen.
  • Rauchen und andere Stoffwechselgifte beeinträchtigen die Regeneration der Bandscheibe

Die Bandscheibenernährung geht zurück

Die Veränderung der Endplatten sowie der Wirbelkörper treiben diese Degeneration an. Durch Fett- und Wassereinlagerung in die eigentlich gut durchbluteten Wirbelknochen nimmt die Nährstoffdiffusion in die Bandscheibe ab. Dadurch wird auch die Endplatte, die Knorpelschicht zwischen Bandscheibe und Wirbelknochen abgebaut und verknöchert langsam. Die Nährstoffversorgung der Bandscheibe geht also zurück. Die Zellen in der Bandscheibe fangen an, aus Sauerstoffmangel Laktat (Milchsäure) zu produzieren. Das Milieu verschlechtert sich durch den Säureüberschuss immer weiter.

Chemische Veränderung der Bandscheibe: Säure und Hormone

Durch chemische Veränderungen (pH-Wert-Senkung, Übersäuerung, Zelluntergang) im Inneren der Bandscheibe nimmt die Fähigkeit des flüssigen Bandscheibenkerns (Nucleus pulposus), Wasser zu binden, im Laufe der Zeit weiter ab. Mit der abnehmenden Wasserbindung verschlechtert sich die Versorgungssituation weiter, weil der Strom der Gewebsflüssigkleit die einzige Nährstoffzufuhr und Stoffwechselendproduktsabfuhr darstellt. Eine Unterversorgung der Bandscheibe mit ernährender Gewebsflüssigkeit führt zu einer Absenkung des pH-Wertes in der Bandscheibe: Die Bandscheibe wird "sauer". Wir kennen das von der Muskulatur: Wenn die Sauerstoffversorgung nicht ausreicht, bilden die Zellen in einem reduzierten Stoffwechsel Milchsäure.

Ursache "diskogener" Rückenschmerzen

Diese Säure führt auch zur Erregung der Schmerzfühler in den benachbarten Wirbelkörpern. Auch die zahlreichen Nervenstränge in der Umgebung der Bandscheibe können durch die Säure schmerzhaft irritiert werden. Durch diese stoffwechseldefizitbedingte pH-Wert-Senkung (Übersäuerung) wird der Stoffwechsel der lebendigen Chondrocyten, die den Gallertkern bilden, weiter heruntergefahren. Dieser sich verstärkende Prozess aus Unterversorgung, Ansäuerung, Stoffwechselblockade, abnehmender Wasserbindung des nucleus pulposus ist ein degenerativer Teufelskreis, der bisher nicht zu stoppen war.

Blutgefäße und Nervenendigungen wachsen ein

Die untergehenden Zellen des Bandscheibenkerns senden hormonelle Notsignale aus, die das Einwachsen von Blutgefäßen und schmerzleitenden Nervenzellen in die Wand der Bandscheibe fördern. Die gesunde Bandscheibe wird normalerweise nicht mit Blutgefäßen oder Nervenleitung versorgt.

Entzündung in der Bandscheibe

Der Zelluntergang in der Bandscheibe lockt auch Freßzellen und Mastzellen an. Sie durchbrechen den Annulus fibrosus und sorgen für die Verbreitung von Entzündungshormonen (Cytokinen). Diese beschleunigen noch den Abbau des Bindegewebes in der Bandscheibenhülle und im Bandscheibeninneren. Die Gewebshormone der Mastzellen fördern auch das schädliche Einwachsen von Blutgefäßen in die Bandscheibenhülle.

Änderung der Stoßdämpfer-Eigenschaften

Verbesserung des Bandscheibenmilieus durch Hydrogel

Mit der neuartigen Hydrogelbehandlung kann das pH-Milieu im Nucleus pulposus direkt reguliert werden. Hydrogele sind wasserbindende verzweigte Kunststoffmoleküle, die die Wasserbindung im Bandscheibenkern verstärken und die Säure neutralisieren (Pufferfunktion). Damit kann Hydrogel den Stoffwechsel des Nucleus pulposus direkt fördern und wieder normalisieren. Durch Neutralisierung der Säure im Bandscheibenkern gehen auch recht schnell - innerhalb von Tagen - die diskogenen, also von der Bandscheibe verursachten Schmerzen zurück..

Die Bandscheibenhülle (Anulus fibrosus) wird rissig und spröde. Mit dem sinkenden Wassergehalt schwindet auch die Versorgung der Bandscheibe mit Nährstoffen. Mit dem sinkenden Innendruck reduziert sich die Fähigkeit der Bandscheibe, Stöße aufzufangen. Diese Bandscheibe zeigt schon hervortretende Außenwände (sog. Bandscheibenprotrusion).

Der gesunkene Flüssigkeitsdruck unterstützt nicht mehr das Abfangen von Stößen, die Last auf der Bandscheibenhülle steigt mit sinkendem Volumen an. Die Rupturwahrscheinlichkeit wird also direkt gesteigert. Reduzierter Wassergehalt geht daher einher mit einer kontinuierliche Absenkung der Vitalität sowie des Gehaltes an lebendigen Chondrozyten der Bandscheibe.

Diese Bandscheibenalterung alleine führt aber noch nicht notwendig zum massenhaften Auftreten von Bandscheibenvorfällen. Eine gut ausgebildete Rückenmuskulatur kann die individuell alternde Bandscheibe noch entlasten. Das dazu erforderliche Training kann die Lebensvorgänge in den erkrankten Bandscheiben wieder stabilisieren.

Bandscheibenprotrusion (Bandscheibenvorwölbung)

Wenn die Bandscheibenhülle, die die Bandscheibe vom Rückenmarkskanal abtrennt, brüchig wird, wird ein Bandscheibenvorfall durch Überlastung sehr wahrscheinlich.Wenn die Bandscheibenhülle, die die Bandscheibe vom Rückenmarkskanal abtrennt, brüchig wird, wird ein Bandscheibenvorfall durch Überlastung der Bandscheibe sehr wahrscheinlich. © Viewmedica

Diese Fähigkeit der Bandscheibe zur Erholung (Regeneration) nimmt mit zunehmendem Lebensalter ab. Im Laufe der Zeit schrumpft sie dauerhaft. Anfangs ist dieser Prozess noch unmerklich. Im höheren Alter könne wir dies an einer geringeren Körperhöhe ablesen. Von allen Geweben des menschlichen Körpers zeigt die Bandscheibe die weitreichendsten degenerativen Veränderungen. Sie verliert an Elastizität und Stabilität.

Zunächst wird sich die Bandscheibe unter Druck lediglich in den Spinalkanal vorwölben (Bandscheibenvorwölbung oder Bandscheibenprotrusion).

Der Faserring der Bandscheibe wird spröde und bricht

Laufsportler und Bandscheibenvorfall

Laufen und Bewegung ist eigentlich die beste Medizin für die Wirbelsäule. Wer jedoch im mittleren Lebensalter ein Lauftraining beginnt, sollte vorsichtig sein. Bei Laufsportlern sind die Bandscheiben besonderen Belastungen ausgesetzt. Die vertikale Kompression (Stauchen) der Bandscheiben beim Aufprall während des Laufzyklus entspricht zwar der eigentlichen Aufgabe der Bandscheibe. Vor allem eine untrainierte Stützmuskulatur kann zur Überlastung der Bandscheibe führen.

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Der Verlust an Elastizität betrifft auch den harten Faserring, der das Bandscheibeninnere umgibt. Hier bilden sich Risse und Spalten, in welche die weiche Masse aus dem Bandscheibeninneren vordringen kann. Zugleich steigt die Druckbelastung für den Faserring aufgrund der Höhenabnahme der Bandscheibe. Jetzt kann es zur Vorwölbung des Gallertkerns und des Faserrings kommen - ähnlich wie bei einem Gummiball, der zwischen den Handflächen plattgedrückt wird. Ab diesem Stadium ist bereits eine Vorwölbung der Bandscheibe (Protrusion) eingetreten. Durchbricht der Gallertkern den äußeren Faserring und schlüpft nach außen in den Wirbelkanal, liegt ein Bandscheibenvorfall (Discus-Prolaps oder Nucleus-Pulposus-Prolaps) vor.

Symptome des Bandscheibenvorfalls: Rücken- und Beinschmerzen

Symptome des Bandscheibenvorfalls
  • Schmerzen, Ziehen, Brennen
  • Taubheit
  • Störungen bei Stuhlgang und Harnkontrolle
  • Störungen der Beweglichkeit und der Reflexe
  • Schwindel, Koordinationsstörungen
  • Lähmung und Reflexstörungen

Druck auf Rückenmark und Nervenwurzeln verursacht Schmerzen, Lähmung und Gefühlsstörung

Die Bandscheibe liegt sehr nah bei den großen Nervensträngen der Wirbelsäule: Das Rückenmark im Wirbelkanal und die Nervenwurzeln, die den Körper versorgen und mit dem Zentralnervensystem verbinden. Wenn sich die Bandscheibe vorwölbt oder beim Bandscheibenvorfall sogar ein Teil ihres Kerns austritt, kann das austretende Material auf die umgebenden Nerven treffen und zusammendrücken. Dadurch entstehen Schmerzen häufig an weit von dem Ort des Bandscheibenvorfalls entfernten Gebieten des Körpers.

Neben dem mechanischen Druck führt auch die Entzündungsreaktion nach Bandscheibenvorfall in unmittelbarer Nähe des Zentralnervensystems zu Schmerzen und Störung der Nervenfunktion.

Schmerzen und Empfindungen nach Bandscheibenvorfall können - je nach betroffenem Segment der Wirbelsäule - unterschiedlich lokalisiert sein.

Symptome der Halswirbelsäule

Ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule (HWS) strahlt in Kopf, Nacken, Schultern und Arme aus.

Symptome der Lendenwirbelsäule

Ein Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule (LWS) kann in die Beine und Füße hinein ausstrahlen.

Ist der Druck besonders stark, entstehen nicht nur Schmerzen, sondern auch noch zusätzlich Funktionsstörungen: Lähmungen, Verlust von Reflexen und Koordination oder Störung von Harnkontrolle und Stuhlgang können die Folge sein.

Cauda equina Syndrom: Querschnittssyndrom nach Bandscheibenvorfall

Die am drastischsten wirkende Folge einer Banscheibenruptur ist das Cauda equina Kompressionssyndrom. Die Cauda equina ("Pferdeschweif") ist ein Bündel von Nervenwurzeln die zwischen dem Lendenwirbelsegment L1 und dem Kreuzbein im Wirbelkanal verlaufen. Eine massive Quetschung der Cauda equina durch einen Bandscheibenvorfall gilt als medizinischer Notfall und sollte innerhalb der ersten 72 Stunden, möglichst aber früher, durch operative Dekompression therapiert werden. Das Querschnittssysdrom führt zu schlaffen Lähmungen der unteren Extremitäten. Meist sind auch Sensibilitätsstörungen in den versorgten Bereichen zu beobachten. Die Kontrolle über Stuhlgang (Defäkationsstörung) und Wasserlassen (Miktionsstörung) ist ebenfalls eine Folge des Cauda-Syndroms.

Parese (Lähmung) nach Bandscheibenvorfall

Es gibt unterschiedliche Paresen nach Nervenkompression. Dabei ist zu beachten, dass die Parese nicht den totalen Ausfall, sondern auch eine starke Abschwächung der betroffenen Funktionen beschreibt.

Recht häufig ist die Lähmung (Parese) des Großzehenhebers. Dadurch wird das Gangbild gestört.

Auch der Fußheber kann gelähmt sein.

Ebenfalls häufig sind Kniestreckerparesen.

Die Parese gilt gemeinhin als absolute OP-Indikation. Vergleiche zwischen operativer und konservativer Therapie bei Parese (Weber, 1983) kommen aber zu vollkommen vergleichbaren Verläufen: 70% aller Patienten hatten unabhängig vom gewählten Behandlungspfad in beiden Gruppen eine deutliche neurologische Verbesserung der Parese-Symptome. Diese und ähnliche Studien führten zu einem deutlichen Rückgang in der Zahl der Bandscheibenoperationen nach Bandscheibenvorfall.

Wenn sich die Situation in der konservativen Therapie aber deutlich verschlechtert, stellt dieses nach wie vor eine Indikation zur sofortigen Operation der Bandscheibe dar.

Nicht jeder Bandscheibenvorfall hat starke Symptome zur Folge

Das radiologische Bild der Wirbelsäule und das Befinden des Patienten sind nicht immer eindeutig miteinander in Verbindung zu bringen. Nicht jeder radiologisch sichtbare Befund an einer Wirbelsäule führt tatsächlich zu starken Beschwerden. Viele Vorfälle sehen im Bild sehr drastisch aus, verlaufen klinisch aber unauffällig. Andererseits gibt es Beschwerden, die nicht mit einem Röntgenbild oder einem MRT Bild erklärt werden können. Es ist also sehr wichtig, durch einen gute klinische Untersuchung eine eindeutige Kausalität eines im Bild vielleicht auffälligen Befundes zu den tatsächlichen Beschwerden nachzuweisen, um Fehlbehandlungen zu vermeiden.

Es gibt aber auch viele Patienten, die einen Bandscheibenvorfall haben und dabei keinerlei Schmerzen empfinden. Offensichtlich treten Schmerzen nur auf, wenn die Nervenwurzel bereits vorher eine Empfindlichkeit (Sensibilisierung) für den Bandscheibenvorfall entwickelt hat. Bei feingeweblichen Untersuchungen wurde die Ausbildung von Schmerzrezeptoren im Bereich der Nervenwurzel und der Bandscheiben beobachtet. Vor einer Bandscheibenoperation kann deshalb im Zweifel eine Infiltrationsuntersuchung (Injektion von anaesthesierenden Substanzen) durchgeführt werden, um sich über die tatsächliche Schmerzursache Klarheit zu verschaffen.

Material aus dem Inneren der Bandscheibe drückt schmerzhaft auf die Nervenwurzeln

Je nach Lage des Bandscheibenvorfalls kann es passieren, dass Nervenwurzeln eingequetscht werden. Dabei ist zu beachten, dass nicht alle Bandscheibenvorfälle solche Folgen haben: Wenn die ausgetretene Masse nicht in den Wirbelkanal eindringt, kann das sogar ohne Symptome auftreten. Der asymptomatische Bandscheibenvorfall ist sogar recht häufig, wie Reihenuntersuchungen an eigentlich jungen und gesunden Personen zeigen.

Wie kommt es zu ausstrahlenden Schmerzen in Arme und Beine?

Die Nervenwurzeln versorgen zum Beispiel im Bereich der Lendenwirbelsäule die Beinmuskeln mit Befehlen zur Bewegung. Sie sind auch für die Übermittlung der Schmerzsignale aus dem Körper an das Gehirn zuständig. Wenn etwas auf diese Nerven drückt, kommt es so typischerweise zu Schmerzempfindungen in den Gliedmaßen, zu denen sie führen. Zusätzlich können Gefühlsstörungen mit Taubheit, Kribbeln oder sogar Lähmungen auftreten.

Wenn isoliert die Nervenwurzeln aus dem Bereich S3-S5 betroffen sind, leidet der Patient an einer Reithosenanästhesie (Konussyndrom): Das Konussyndrom nach Nervenkompression im Bereich der Sakralwirbel ist eine fehlende Sensibilität im Bereich des Gesäßes, der Genitalien und der Oberschenkelinnenseiten.

Was geschieht beim Bandscheibenvorfall genau?

BandscheibenvorwölbungDie Bandscheibenprotrusion kann ebenfalls schmerzhaften Druck auf die Nervenwurzeln ausüben. Hierbei tritt jedoch noch kein Bandscheibenmaterial aus dem Inneren der Bandscheibe aus.

Beim Bandscheibenvorfall durchbricht das Bandscheibeninnere den harten Faserring und kann sehr stark auf das umgebende Gewebe und die Nervenwurzeln drücken. Dieser Druck löst wiederum Beinschmerzen oder Rückenschmerzen aus. Bei der Vorwölbung wird weniger Bandscheibenmasse verlagert als beim Vorfall. Deshalb sind beim Bandscheibenvorfall Gefühlsstörungen oder Lähmungen wesentlich häufiger.

Manchmal erfolgt der Bandscheibenvorfall im Wirbelsäulenkanal nicht seitlich, sondern kopfwärts oder fußwärts verlagert. Wenn die ausgetretene Masse nicht mehr zur Bandscheibe in Beziehung steht, spricht man von einem "Sequester". Diese Bandscheibenmasse kann durch Sequesterbildung sogar Nervenwurzelreizungen verursachen, die weiter entfernt von dem eigentlich betroffenen Bandscheibensegment liegen.

MRT-Aufnahme eines Bandscheibenvorfalls im Querschnitt MRT-Aufnahme eines massiven Bandscheibenvorfalls LW5/SW1 in der unteren Wirbelsäule im Querschnitt. Das hervorgetretene Bandscheibengewebe (gelber Kreis) Drückt in der Abbildung deutlich sichtbar den Duralsack (weiße Struktur), der im Rückenmarkskanal das Rückenmark enthält. © Gelenk-Klinik.de
 

Diagnose des Bandscheibenvorfalls

Bildgebende Verfahren

Der Bandscheibenvorfall verlangt eine gründliche neurochirurgische Untersuchung. Dabei ist das MRT in Verbindung mit einer guten klinischen und neurologischen Untersuchung der wichtigste Weg zu einem klaren Befund. Dabei beobachten wir unterschiedliche Typen des Bandscheibenvorfalls:

Die Bandscheibenprotrusion ist eine Vorwölbung der Bandscheibe in den Spinalkanal, ohne dass die bindegewebige Hülle (Anulus fibrosus) einreißt. Daher dringt auch kein Material aus dem Bandscheibenkern nach außen.

Beim Bandscheibenvorfall hingegen bricht die zähe Hülle der Bandscheibe und ein Teil des gallertartigen Inneren dringt nach außen.

Mit Hilfe der Bildgebenden Verfahren können wir diese beiden Arten des Bandscheibenvorfalls unterscheiden. Hinsichtlich der Folgen für den Patienten (Schmerzen und Bewegungseinschränkung) sind beide Formen aber ähnlich.

Bei einer Ruptur mit einem auch in der Bildgebung klar abgetrennten Sequester (Blase) mit hervorgetretenem Bandscheibenmaterial wird im allgemeinen eher eine erfolgreiche Operationsmöglichkeit gesehen, als bei einer Vorwölbung. Ein großer, wasserhaltiger Sequester wird aber auch vom menschlichen Körper recht schnell resorbiert. Im Bild sieht das aus, wie ein bedrohliche Raumforderung im Bereich der Spinalnerven, aber sie wird auch unter konservativer Therapie relativ rasch - innerhalb von 2 Monaten - zurückgebildet. Wenn die Symptome für den Patienten tolerierbar sind, besteht hier also keine OP-Indikation. Wenn die Raumforderung nach zwei Monaten noch nicht resorbiert ist, dann ist mit einer spontanen Rückbildung aber auch nicht mehr zu rechnen. In diesem Fall würden wir eine operative Entfernung empfehlen.

MRT Aufnahme eines lumbalen Bandscheibenvorfalls (LW5/SW1) im Längsschnitt der Wirbelsäule © Gelenk-Klinik.de MRT Aufnahme eines lumbalen Bandscheibenvorfalls (Segment LW5/SW1) im Längsschnitt der Wirbelsäule (siehe gelber Kreis). Der Bandscheibenvorfall ist sehr massiv und engt sichtbar den Duralsack des Rückenmarks ein. In dem Segment darüber (Segment LW4/LW5) sieht man deutlich eine Bandscheibenprotrusion, die ebenfalls den Wirbelkanal einengt. Diese Bandscheibenprotrusion kann ebenfalls zu Beschwerden und Rückenschmerzen führen. Aus dem Vorhandensein einer solchen Vorwölbung ist es aber nicht möglich, auf behandlungsbedürftige Beschwerden zu schließen. Es ist immer nötig, mit Hilfe der klinischen Untersuchung zu klären, ob die Beschwerden, die den Patienten zum Arzt geführt haben, wirklich auf den radiologisch gezeigten Befund zurückzuführen sind.

Aufnahmen mit dem Kernspin- (MRT) oder Computertomographen (CT) helfen bei der Untersuchung und bei der genauen Feststellung des betroffenen Segments. Allerdings sollte ein Bandscheibenvorfall, der sich nur im kernspintomographischen Bild (MRT-Bild) zeigt und sonst keine Symptome aufweist, nicht operiert werden. Die Röntgen-Darstellung der Bandscheiben und des Wirbelkanals mit Hilfe eines Kontrastmittels runden die Untersuchung des Bandscheibenvorfalles ab.

(siehe auch Symptome des Bandscheibenvorfalls )

Klinisch-neurologische Untersuchung der Folgen des Bandscheibenvorfalls Die sorgfältige klinische und neurologische Untersuchung durch den Neurochirurgen ist ein wesentlicher Teil der Diagnose. Durch die genaue Bestimmung der Schmerzmuster und der Funktionsausfälle kann überprüft werden, ob ein bestimmtes radiologisches Bild der Wirbelsäule tatsächlich für die vorliegenden Beschwerden ursächlich ist. © Gelenk-Klinik.de

Klinische Untersuchung des Bandscheibenvorfalls

Die Darstellung des Bandscheibenvorfalls mit bildgebenden Verfahren muss immer ergänzt werden durch eine ausführliche neurologische Untersuchung: Durch neurologische Tests der Sensibilität und der Motorik können wir Ausfallmuster entdecken, die der radiologisch gezeigten Lage des Bandscheibenvorfalls anatomisch entsprechen.

Klinisch-neurologische Untersuchung des  Bandscheibenvorfalls Durch die Untersuchung der Sensibilität im Seitenvergleich gegenüber verschiedenen Reizen wie Temperaturempfinden, Vibration oder Tastsinn kann der Neurochirurg die Lage eines Bandscheibenvorfalls genauer eingrenzen. © Gelenk-Klinik.de

Ein Bandscheibenvorfall ist meist dann schmerzhaft, wenn in liegender oder sitzender Position das Bein bereits um c.a. 75° angehoben wird. Sie können das bereits zu Hause ausprobieren. Aber auch in der klinischen Untersuchung wird dieses sog. Lasegue-Zeichen als klares Indiz für einen Bandscheibenvorfall im Bereich zwischen den Wirbeln LW4 (LW=Lendenwirbel) und SW2 (SW=Sakralwirbel) gewertet.

Schmerzen, die weit in Kopf, Schulter und Arme oder Beine ausstrahlen, sind ebenfalls deutliche Indizien für einen Bandscheibenvorfall.

Eine EMG Untersuchung (Elektromyogramm, Ableitung von elektrischen Potentialen der Muskeln) kann die durch den Vorfall gereizten Nerven genauer dokumentieren.

Konservative Behandlung des Bandscheibenvorfalls

Schmerzstillende Verfahren nach Bandscheibenvorfall
  • Schmerzstillende Medikamente und Entzündungshemmende Medikamente (NSAR, Nicht Steroidale Anti-Rheumatika, z.B. Ibuprofen, Diclofenac etc. und stärkere Mittel wie z.B. Tilidin)
  • Muskelrelaxantien (Medikamentöse Entspannung der Skelettmuskulatur)
  • Kortisontherapie zur Schmerzlinderung
  • Stützkorsett, v.a. an der Lendenwirbelsäule
  • Reizstrom-Therapie (TENS)
  • Aktive Krankengymnastik, Wärmetherapie, Kräftigung der stützenden Rumpfmuskulatur durch medizinische Trainingstherapie
  • Psychologische Therapie bei Patienten mit Depressionen, die die Rückenschmerzen begleiten oder durch sie ausgelöst werden.

Die konservative Behandlung des Bandscheibenvorfalls behandelt nicht die Schmerzursache - den schmerzhaften Druck des Bandscheibenvorfalls auf Rückenmark und Nerven - sondern begleitet den natürlichen Rückbildungsprozess durch eine schmerzstillende Therapie. Eine konservative Behandlung wird auch nicht zu einer Wiederherstellung der Bandscheibenfunktion führen, wenn das Volumen durch den Austritt von Bandscheibenmaterial schon deutlich reduziert ist. Die konservative Behandlung will die Zeit bis zur Abheilung des Bandscheibenvorfalls so schmerzfrei wie möglich gestalten.

Die konservative Therapie des Bandscheibenvorfalls ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle unsere bevorzugte Behandlungsmethode. Neben der kurzfristig wirksamen akuten Schmerztherapie steht mittelfristig die Kräftigung der Muskulatur und dadurch die Entlastung der degenerierten Bandscheibe durch Physiotherapie im Vordergrund.

Wann immer akute Lähmungen oder Gefühlsstörungen nicht zu beobachten sind, hat der Patient genügend Zeit, mit Hilfe unterstützender, konservativer Behandlung die natürliche Rückbildung des Bandscheibenvorfalls abzuwarten.

Sehr wichtig ist hier auch die psychologische Begleitung der Patienten. Patienten mit depressiver Verstimmung oder Depressionen empfinden solche Rückenschmerzen ganz anders - häufig verstärkt - und kommen zu einer anderen Einordnung des Gesamtverlaufes. Das müssen wir im Patientengespräch erkennen und in der Behandlung berücksichtigen.

Nach der natürlichen Schrumpfung des Bandscheibenvorfalls durch Abbau der vorgefallenen Masse aus dem Inneren der Bandscheibe lässt auch der Druck auf die Nervenwurzeln und das Rückenmark der Wirbelsäule auch wieder deutlich nach. Das ist ein natürlicher Heilungsprozess, der auch ohne operative Therapie nach einiger Zeit eintreten wird. Bei einer operativen Entfernung stellt sich dieser Effekt schneller ein, aber einige Monate nach dem Bandscheibenvorfall sehen wir bei konservativer Therapie ein gleichwertiges Ergebnis für den Patienten.

Besonders wichtig ist: Trotz Schmerzen soll der Patient möglichst in Bewegung bleiben. Bettruhe ist nicht länger als wenige Tage sinnvoll: Sonst kann sie durch schnelle Rückbildung der Muskulatur und Reduktion der Stoffwechselaktivität sogar zu einer Verschlechterung der Situation führen.

OP und Physiotherapie sind meistens gleichwertige Behandlungsoptionen

Wann wird die Bandscheibe eher operativ behandelt?
  • Starke Schmerzen, die eindeutig vom Vorfall verursacht werden und die durch medikamentöse Schmerztherapie nicht erfolgreich therapiert werden können.
  • Lähmung (Parese) oder Muskelschwäche.
  • Permament zunehmende Lähmungserscheinungen oder neurologische Ausfälle.
  • Verlust von Reflexen.
  • Cauda Equina Syndrom: Störungen von Stuhl- und Harnkontrolle (Blasen & Mastdarmlähmung)
  • Empfindungsstörungen an Oberschenkeln, Genitalien und Anus.
  • Plötzlich auftretende Impotenz.
  • Beschwerden, die sich nach sechs Wochen noch nicht gebessert haben oder bei zunehmenden Schmerzen in der konservativen Behandlung.
  • Mit Bildgebung nachgewiesene sehr große (massereiche) Bandscheibenvorfälle.

Viele Bandscheibenvorfälle können auch ohne Operation, also konservativ, erfolgreich behandelt werden: Der Bandscheibenvorfall bildet sich durch eine natürliche Entzündungsreaktion des Körpers wieder zurück. Dabei gelangt das ausgetretene Bandscheibenmaterial aber nicht mehr in die Bandscheibe zurück, sondern wird vom Körper resorbiert. Diese Rückbildungsreaktion kann durch eine konservative Behandlung nicht ausgelöst oder gar beschleunigt werden: Sie ist die natürliche Antwort des Körpers auf die Verletzung. Nur etwa 10% - 15% der Bandscheibenrupturen erfordern eine operative Behandlung.

Eine Ausnahme bilden Vorfälle, die zu Lähmungen (Paresen) führen. Bei starken Einschränkungen von Bewegungsabläufen (z.B. Fußheberparese) ist in der Regel eine schnelle Entfernung des Druck ausübenden Materials angezeigt. Nur so können häufig auch bleibende Schäden an den betroffenen Nerven verhindert werden. Auch bei einer operativen Behandlung des Bandscheibenvorfalls hilft eine sorgfältig durchgeführte konservative Therapie bei der Vorbereitung der OP. Auch in der weiterführenden Rehabilitation bleibt das immer ein wesentlicher Bestandteil des Therapiekonzeptes.

Operative Behandlung des Bandscheibenvorfalls

Wenn der Bandscheibenvorfall die Nervenwurzel oder das Rückenmark bedrängt und so zu starken Schmerzen und Funktionsausfällen führt, ist eine Operationsindikation gegeben. Dieser Bandscheibenvorfall muss operativ entfernt werden, um die Nerven wieder freizugeben. Für den Erfolg der Operation ist es - unabhängig vom gewählten entweder offenen, mikrochirurgischen oder endoskopischen Operationsverfahren - vor allem wichtig, dass der Bandscheibenvorfall vollständig entfernt wurde. Dabei genügt es immer, den ausgetretenen Sequester - die Blase von Bandscheibenmaterial - sicher zu entfernen (Sequestrektomie). Häufig wird das gesamte Innere der Bandscheibe ausgeräumt (Diskektomie). Das führt aber zu keinen nachweisbaren klinischen Vorteilen. Dabei wird aber die ausgeräumte Bandscheibe keine Funktion mehr, weil ihr Volumen stark vermindert ist. Dafür ist bei der Sequestrektomie auch die Re-Rupturrate etwas erhöht, weil eben noch Material in der Bandscheibe vorhanden ist, das wieder austreten kann. Das wird aber aufgewogen durch das wesentlich bessere klinische Ergebnis, das eine Bandscheibe mit Restvolumen verspricht.

Das zu operierende Strukturproblem sollte direkt verantwortlich für die Beschwerden sein

Wir operieren keine radiologischen Bilder, sondern die klinischen Beschwerden des Patienten. Dabei ist es besonders wichtig, durch die Untersuchung immer vorher festzustellen, ob das Strukturproblem, das wir in Bildern sehen, tatsächlich für die konkreten Beschwerden des Patienten verantwortlich sind. Wir dürfen auf keinen Fall unspezifische Rückenschmerzen, die nur durch eine funktionelle Störung wie Muskelungleichgewichte oder Bewegungsmangel beruhen, durch eine Operation therapieren, nur weil die Bildgebung auch einen Strukturschaden zeigt, der aber möglicherweise nicht für die Beschwerden verantwortlich ist. Wenn wir das nicht klar entscheiden können, sollten wir vor der Operation per Injektion eine Testbehandlung an der betroffenen Nervenwurzel mit einem Anästhetikum (lokalen Betäubungsmittel) machen, um sicher zu entscheiden, ob die Schmerzursache dort liegt.

Das Ziel der Bandscheibenoperation ist Schmerzfreiheit und neurologische Verbesserung

Für einen zufriedenstellenden Verlauf der Bandscheibenoperation ist es sehr wichtig, die Erwartungen an das Ergebnis der Bandscheibenoperation zu klären. Die Operation nach Bandscheibenvorfall hat das Ziel, die aus den Bandscheiben ausgetretene Masse aus der Umgebung des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln zu entfernen. Dadurch wird der Schmerzen und Funktionsstörungen auslösende Druck des Bandscheibensequesters gestoppt. Die Nervenfunktion kann dann, wenn der Druck und die Entzündungsreaktion beendet sind, in vielen Fällen schnell wieder regenerieren.

Was geschieht mit dem Loch in der Bandscheibe?
Das durch die Bandscheibenruptur entstehende Loch in der Bandscheibenhülle wird durch eine Entfernung des Bandscheibenvorfalls nicht wieder geschlossen. Hier gibt es ein modernes operatives Verfahren (Barricaid®): Durch eine kleine Membran wird der defekte Teil des Anulus wieder ersetzt und verhindert eine Re-Ruptur zuverlässig. Weiterlesen

Die Entfernung des Bandscheibenvorfalls ist also zunächst nicht auf die Wiederherstellung der Funktion der Bandscheibe gerichtet. Die bei dem Vorfall ausgetretene Masse wird also auch nicht wieder in die Bandscheibe zurückgebracht. An dem degenerierten Zustand der Bandscheibe ändert die Bandscheibenoperation also nichts. Es geht also nur darum, die Folgen des Fremdkörpers in der Umgebung der Bandscheibe effektiv und schnell zu beseitigen.

Nach Entfernung des ausgetretenen Materials bleibt das Loch in der Bandscheibenhülle zurück, das durch die Ruptur der Bandscheibe entstanden ist.

Um abzusichern, dass der Patient nach der Bandscheibenoperation tatsächlich gute Aussichten hat, frei von Nacken-, Rücken- und Beinschmerzen zu sein, führen wir eine umfassende Untersuchung durch, um mögliche weitere Quellen von Rückenschmerzen zu erkennen oder auszuschließen.

Operationsrisiken der Bandscheibenopertion
  • 15% der Patienten leiden auch nach der Operation an anhaltenden Schmerzen.
  • Schmerzhafte Narbenbildung nach einem offenen Eingriff ist möglich.
  • Re-Ruptur, das ist ein erneuter Vorfall der operierten Bandscheibe, ist eine ernstzunehmende Komplikation.

Eine Operation ist nur in etwa 10% aller Fälle mit Bandscheibenvorfall erforderlich. Patienten erholen sich nach operativer Behandlung wesentlich schneller von einem Bandscheibenvorfall, als bei konservativer Ausheilung. Sie sind schneller schmerzfrei und mit der Behandlung allgemein zufriedener. Sie kehren früher wieder in das Berufsleben zurück, als Patienten bei konservativer Behandlung. Dabei kann eine Rolle spielen, dass bei operativer Behandlung das Bandscheibenmaterial sofort entfernt wird, und nicht langsam durch eine Entzündungsreaktion zurückgebildet werden muss.

Vor einer Operation sollten allerdings die konservativen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden.

Zu langes Abwarten verschlechtert das Ergebnis der OP

Bei der operativen Behandlung ist zu beachten: Das Ergebnis der Operation ist um so schlechter, je länger die Schmerzen vorher angedauert haben. Das liegt an einer möglichen Chronifizierung von Bandscheibenschmerzen. Durch überlange konservative Therapieversuche können daher auch wichtige operative Behandlungsoptionen verloren gehen.

Zunächst müssen die eingequetschten Nervenwurzel vom schmerzhaften Druck entlastet werden. Das wird in der Regel durch die operative Entfernung des ausgetretenen Bandscheibenmaterials oder die Verkleinerung des Bandscheibenvorfalles erreicht. Die Wahl der Behandlung hängt davon ab, ob es sich um eine Vorwölbung oder einen echten Bandscheibenvorfall handelt. Der genaue Ort, die Art und das Stadium der Störung spielen natürlich auch eine wichtige Rolle. Zur Verfügung stehen die folgenden minimalinvasiven Verfahren:

  • Nukleoplastie bzw. Endoskopische Bandscheibenentfernung: Die perkutane Nukleoplastie kann Bandscheibenvorfälle durch einen über die Haut eingebrachten endoskopischen Operationskanal entfernen.
  • Schmerzkatheter nach Racz: Ein elastischer Katheter wird durch den Epiduralraum der Wirbelsäule an die schmerzende Nervenwurzel navigiert und dort zur Applikation von Schmerz- und Entzündungsstillenden Medikamenten genutzt.
  • Disc-FX: Disc-FX ist Kombinationsverfahren der endoskopischen Bandscheibenoperation. Mechanische Therapieverfahren z.B. mit Mikrozangen und elektrothermische Therapie mit lokaler Hitzeentwicklung werden kombiniert um Bandscheibenvorwölbungen und Bandscheibenvorfälle zu therapieren.
  • Mikrochirurgische Entfernung (Nukleotomie) des Bandscheibenvorfalles: Über einen Schnitt wird der Bandscheibenvorfall in einer offenen Operation an der Wirbelsäule entfernt. Auch komplexe und schwer zugängliche Bandscheibenvorfälle können so therapiert werden. Die Operation findet unter dem Operations-Mikroskop statt.
  • Bandscheiben-Zelltransplantationen (ADCT): Die ADCT ist ein Verfahren zur Bandscheibenregeneratiuon mit mit gezüchteten, körpereigenen Zellen. Diese Zellen können aus dem bei der Bandscheibenentfernung gewonnenen Material aufbereitet werden.

Mikrochirurgische Entfernung des Bandscheibenvorfalls

Fakten zur Mikrochirurgischen Bandscheibenoperation:
  • Narkose: Vollnarkose
  • Operationsdauer: 1-2 h
  • Verfahren: Offene OP unter dem Mikroskop.
  • Stationärer Aufenthalt: ca. 4 Tage.
  • Nahtlänge: 2-3 cm
  • Mobilisierung ab dem Tag nach der Operation.
  • Krankengymastische Übungen ab dem 1. Tag nach der Operation.

Die Mikrochirurgische Operation des Bandscheibenvorfalls ist noch immer der Goldstandard unter den Operationsmethoden: Die offene Operation erlaubt eine Übersicht über das gesamte Operationsgebiet. Der Bandscheibenvorfall kann unabhängig von der Richtung operiert werden, in die er verläuft. Die mikrochirurgische Operation erfolgt mit Hilfe eines Mikroskops. Der operative Zugang erfolgt über einen wenige Zentimeter langen Hautschnitt in der Umgebung des Bandscheibenvorfalls. Er erlaubt, unabhängig von der Lage des Vorfalls, das Operationsgebiet vollständig einzusehen. Je nach genauer Lage des Bandscheibensequesters, ist das bei endoskopischen Verfahren nicht immer möglich. So müssen gelegentlich auch endoskopisch operierte Bandscheibenvorfälle während der Operation zu einem mikrochirurgischen Eingriff ausgeweitet werden, wenn das Operationsgebiet endoskopisch nicht genau erfasst werden kann.

Operationsrisiken der Mirkochirurgie
  • Narbenbildung nach der Operation
  • Verletzung der Nerven bei der Entfernung des Bandscheibenvorfalls (sehr selten)
  • Allgemeine OP-Risiken: Infektionen und Wundheilungsstörungen
  • Langfristig ziehende Schmerzen

Der Zugang erfolgt je nach Lage des Bandscheibenvorfalls durch einen Schnitt über der Mittellinie der Wirbelsäule, oder etwas seitlich davon. Die Muskulatur wird von den Dornfortsätzen gelöst, um Zugang zur Wirbelsäule - den Raum zwischen den Wirbelbögen - zu verschaffen.

Diskektomie
Wenn der Vorfall noch in Verbindung steht mit dem Inneren der Bandscheibe (Nucleus pulposus), muss ein Teil des Bandscheibeninneren mit entfernt werden, um einem erneuten Vorfall vorzubeugen. Der OP-Ablauf und der Zugang ist aber genauso wie bei der mikrochirurgischen Bandscheibenoperation.

Hierzu muss das Längsband zwischen den Wirbelkörpern (Ligamentum flavium) etwas eingeschnitten werden. Wenn der Bandscheibenvorfall "sequestriert" ist, also keine Verbindung mehr hat zur weichen Masse im Inneren der Bandscheibe, kann er recht leicht entfernt werden. Nervenwurzeln oder Rückenmark sind dann vom Druck befreit.

Die mikrochirurgische Bandscheibenoperation wird nach der Operation mit einer Naht verschlossen. Der Patient bleibt dann etwa 4 Nächte stationär in der Klinik.

Endoskopische Entfernung des Bandscheibenvorfalls

Minimalinvasive, Endoskopische Bandscheiben-OperationBei der minimalinvasiven, endoskopischen Bandscheiben-Operation erfolgt der Zugang zum Operationsgebiet durch eine Hohlnadel. Unter direkter endoskopischer Sicht werden die Instrumente eingeführt, die zur Entfernung des Bandscheibenvorfalls erforderlich sind. Ablösen von Muskeln und Bändern ist bei der endoskopischen Methode nicht erforderlich.
Fakten zur Endoskopischen Bandscheibenoperation
  • ca. 5 mm Hautschnitt
  • Operation unter Röntgenkontrolle
  • OP-Dauer 30-45 min
  • Naht ist nicht erforderlich
  • Sofortige Mobilisierung am OP-Tag
  • 3 Tage stationärer Aufenthalt
  • Keine Narbenbildung nach der Operation.

Bei der endoskopischen Entfernung des Bandscheibenvorfalls erfolgt ein Zugang durch die Haut per Hohlnadel in das betroffene Gebiet. Die Hohlnadel bietet sowohl einen Arbeitskanal als auch eine Optik (Kameralinse) und Lichtquelle sowie einen lichtleitenden Schlauch mit einem kleinen Durchmesser. Meist qualifizieren sich unkomplizierte Bandscheibenvorfälle mit einer endoskopisch gut erreichbaren Lage für das endoskopische Operationsverfahren. An Stelle des Operationsmikroskops leistet hier die endoskopische Optik die gute Sichtbarkeit des Operationsgebiets. Der Blickwinkel ist dabei aber viel eingeschränkter, als beim mikrochirurgisch offenen Zugang. Das erschwert die Exploration, also das genau Absuchen des Operationsgebietes nach weiteren Sequestern mit Bandscheibenmaterial.

Bei der endoskopischen Operation des Bandscheibenvorfalls ist kein Hautschnitt in der Umgebung der Wirbelsäule erforderlich. Die Öffnung beträgt nur ca. 5 mm. Die Narbenbildung ist durch den endoskopischen Zugang minimal. Die möglichen Nebenwirkungen einer offen mikrochirurgischen Bandscheibenoperation sind durch den endoskopischen Zugang minimiert. Die endoskopische Bandscheibenchirurgie hat folgende Vorteile:

  • Kleinerer Hautschnitt, schnellere Heilung.
  • Geringerer Blutverlust.
  • Geringeres Infektionsrisiko.
  • Lokalanästhesie möglich.
  • Kürzerer Klinikaufenthalt.
  • Kürzere Krankschreibung.

Wann immer die Lage des Bandscheibenvorfalls ein endoskopisches Vorgehen aussichtsreich erscheinen lässt, bieten wir unseren Patienten den minimalinvasiven Zugang an. Nicht jeder Bandscheibenvorfall erlaubt eine endoskopische Operation. Das hängt auch von seiner Lage ab. Durch eine eingehende Voruntersuchung wird die Situation geklärt, und dann gemeinsam mit dem Patienten das operative Vorgehen besprochen. In Studien konnte die Überlegenheit der endoskopischen Verfahren gegenüber der Mikrochirurgie noch nicht eindeutig belegt werden. Es ist aber verhältnismäßig sicher, dass die Ergebnisse nicht schlechter sind und dass die allgemeinen Gesichtspunkte der verminderten Narbenbildung theoretische Vorteile für den Patienten bieten. die langfristigen Komplikationsraten oder Re-Operationsraten der Verfahren unterscheiden sich nicht erkennbar. Die Wahl des Operationsverfahrens bleibt zu großen Teilen eine auch subjektive Entscheidung des operierenden Arztes. Den endoskopischen Verfahren kommt hier weitgehend die Rolle ergänzender Verfahren zu.

Erhalt und Regeneration der Bandscheibe nach Bandscheibenvorfall

Bei Schmerzen wegen Bandscheibendegeneration oder Bandscheiben-Dehydrierung gibt es zwei weit auseinanderliegende Arten von Therapieempfehlungen. Die eine Richtung will den Bandscheibenvorfall als Ursache von Rückenschmerzen vor allem konservativ behandeln: Schmerzmittel und Physiotherapie kommen dabei zum Einsatz. Die Funktion und Höhe der Bandscheiben wird dadurch aber nicht verändert. Die Stabilität und Funktion der Bandscheibe wird durch Training muskulär unterstützt.

Wenn die konservative Therapie nicht mehr zur Stabilisierung der degenerierten Bandscheibe ausreicht, werden von der Neurochirurgie eine Reihe von bewährten, aber operativ aufwändigen Verfahren empfohlen (siehe nebenstehenden Kasten).

Bandscheibenerhaltende Verfahren
  • Barricaid® Membran zum Verschluss von offenen Bandscheibenrupturen.
  • Hydrogel® wasserbindendes Implantat (Polymer) zur Augmentation (Erhöhung) des Bandscheibenvolumens (nur bei der LWS).
  • Autologe Knorpelzelltransplantation (ADCT) zur Erhöhung des Bandscheibenvolumens und der Menge lebendiger Knorpelzellen im Nucleus pulposus (weicher Bandscheibenkern)

Zwischen der konservativen und der recht invasiven Behandlung mit Implantaten gab es bisher wenig Therapie-Angebote, mit denen wir Patienten vor allem in den früheren Phasen der Bandscheibendegeneration minimalinvasiv helfen konnten, um den Erhalt der Bandscheibe zu fördern und ihre Funktion zu verbessern.

Deswegen haben wir uns darum bemüht, mit Hilfe innovativer Methoden diese Versorgungslücke zu schließen. Die Behandlung eines Bandscheibenvorfalls oder einer beginnenden Bandscheibendegeneration ist für uns mit der Akutbehandlung und der Schmerztherapie nicht abgeschlossen: Wir sehen es als unsere Aufgabe an, die Bandscheibe unserer Patienten auch langfristig zu stabilisieren und Ihre Funktion zu erhalten. Wir wollen Degeneration vermeiden oder stark verlangsamen. Diese wichtigen Bandscheiben-stabilisierenden und regenerierenden Verfahren wollen wir im folgenden Abschnitt vorstellen.

Stabilisierung der gerissenen Bandscheibe mit einer Membran: Anulus-Prothese "Barricaid®"

Wie können wir das Rezidiv-Risiko (Rückfall-Risiko) nach Bandscheibenvorfall vermindern?
Bei einem hohen Rezidivrisiko nach Bandscheibenruptur wurde bisher das Bandscheibenfach operativ "ausgeräumt": Material aus der Bandscheibe wurde entfernt, um den Innendruck der Bandscheibe noch weiter zu senken. Das hatte zur Folge, dass die so behandelte Bandscheibe in ihrer Höhe und Funktion stark reduziert war. Nach dieser Diskektomie war die Wahrscheinlichkeit für den Patienten, bald wieder an Rückenschmerzen zu erkranken, deutlich erhöht. Die so ausgeräumte Bandscheibe konnte ihre Stoßdämpferfunktion häufig nicht mehr vollständig wahrnehmen.

Das Rezidiv - also das erneute Auftreten eines Bandscheibenvorfalls an der selben Bandscheibe - ist mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 10% die am weitesten verbreitete Komplikation nach der operativen Behandlung des Bandscheibenvorfalls.

Die bisher genannten Therapieverfahren können lediglich die Rückbildung bzw. das Ausräumen des Bandscheibenvorfalls bewirken. Die Frage nach der gerissenen Bandscheibe wurde bisher nicht angesprochen. Die bindegewebige Hülle der Bandscheibe hat auch nach Entfernung des Bandscheibenvorfalls einen Riss, durch den das Material der Bandscheibe auch wieder austreten kann.

Durch die Neuentwicklung einer Anulusprothese (Barricaid®) kann der Riss im Fasserring (Anulus fibrosus) wieder stabil verschlossen werden.

Barricaid® Fakten:

  • Indikation: Loch in der Bandscheibe von 3-12 mm nach Bandscheibenvorfall.
  • Operation: Begleitoperation während einer Mikrochirurgischen Bandscheibenentfernung.
  • Stationärer Aufenthalt: 4 Tage nach OP
  • Behandlungsstrategie: Verschluss des Loches in der Bandscheibe mit einer Membran.
  • Klinischer Nutzen: Schutz vor der Re-Ruptur der Bandscheibe. Das Bandscheibenfach muss nicht mehr ausgeräumt werden. Die Bandscheibe bleibt dadurch vitaler.

Dieser Verschluss hat den Vorteil, dass das Risiko eines Rezidivs nach Entfernung des Bandscheibenvorfalls, also das erneute Auftreten eines Bandscheibenvorfalls, stark reduziert werden kann.

Die Verwendbarkeit des Barricaid®-Verfahrens hängt u.a. von der Größe und Lage des Defektes in der Bandscheibenhülle ab. Zu breite Defekte (>12 mm) können leider nicht mehr abgesichert werden. Eine Osteoporose erschwert die Verankerung der Membran im Wirbelkörper. Die genaue Defektgröße wird während der Operation ermittelt. In der Regel können Bandscheiben ab einer Höhe von mindestens 5 mm mit Barricaid® behandelt werden. Bereits völlig kollabierte Bandscheiben können nicht mehr behandelt werden.

Barricaid Technologie verschließt offene Bereiche im Anulus fibrosus (Bandscheibenhülle) © Intrinsic Therapeutics Die Barricaid® Technologie verschließt offene Bereiche im Anulus fibrosus (Bandscheibenhülle) mit einer kleinen Membran. Über einen kleinen Knochenanker ist diese netzartige Membran im darunterliegenden Wirbelkörper verankert. Die Anbringung dieses Barricaid® Implantates dauert nur wenige Augenblicke. Sie wird während der mikrochirurgischen Diskektomie (Entfernung des ausgetretenen Bandscheibenmaterials) durchgeführt.

Was sind die Vorteile des Barricaid® Verfahrens im Vergleich zu einer einfachen Diskektomie?

  • Absenkung der Re-Rupturrate bei großen Defekten (>7mm) von 27,3% auf 1,4%.
  • Deutliche Verminderung von Rückenschmerzen nach der Diskektomie über mindestens 2 Jahre.
  • Stabilität: Ein Defekt oder Verschiebung des Anulus fibrosus Teilersatzes ist nicht vorgekommen: Das Implantat ist sehr stabil.
  • Bei einer Entfernung des Bandscheibenvorfalles muss der lockere Bereich innerhalb des Bandscheibenfaches nicht ausgeräumt werden: Es kann durch die Membran verschlossen werden, und ist so durch Re-Ruptur gesichert. Wertvolles Bandscheibenvolumen wird durch die Möglichkeit des Verzichts auf das Ausräumen des Bandscheibenfachs (Diskektomie), den die Barricaid®-Membran ermöglicht, erhalten.

Erhöhung des Bandscheibenvolumens ("Augmentation") bei der degenerierten Bandscheibe (Black disc) durch Hydrogel

Die degenerierte Bandscheibe hat ein reduziertes Volumen. Die Höhe des Bandscheibenfaches ist vermindert. Die Facettengelenke (Wirbelgelenke) werden zunehmend belastet und können die sogenannte Facettengelenksarthrose entwickeln. Durch Injektion des wasserbindenden Hydrogels wird Wasser in die Bandscheibe gezogen. Das Volumen vergrößert sich. Die Bandscheibenfunktion wird wieder besser ausgefüllt. © www.arthrovision.de Die degenerierte Bandscheibe hat ein reduziertes Volumen. Die Höhe des Bandscheibenfaches ist vermindert. Die Facettengelenke (Wirbelgelenke) werden dadurch zunehmend belastet und können die sogenannte Spondylarthrose entwickeln. Durch Injektion des wasserbindenden Hydrogels wird wieder Wasser in die Bandscheibe gezogen. Das Volumen und damit die Höhe des Bandscheibenfaches vergrößert sich. Die Bandscheibenfunktion wird danach wieder besser ausgefüllt. das Hydrogelverfahren ist nur für LWS zugelassen. © www.arthrovision.de Die Behandlung mit Hydrogel bei Bandscheibendegeneration nach Bandscheibenvorfall. Die Behandlung mit Hydrogel bei Bandscheibendegeneration der LWS nach Bandscheibenvorfall. Das wasserbindende, stark aufquellende Polymer wird endoskopisch, also durch eine transkutane Hohlnadel, in das Innere (Nucleus pulposus) der Bandscheibe eingeführt. Dieses Verfahren ist für die Lendenwirbelsäule zugelassen. © www.arthrovision.de

Bandscheiben mit einem reduzierten Volumen erscheinen im MRT-Bild als dunkel oder schwarz. Deswegen werden degenerierte Bandscheiben auch als "Black-discs" bezeichnet.

Degenerierte Bandscheiben haben durch den Flüssigkeitsverlust immer auch an Höhe verloren. Dadurch wird die Funktion dieser Bandscheiben sehr stark eingeschränkt. Die Höhenminderung führt zu einer zunehmenden Belastung der Facettengelenke. Die Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark austreten geraten unter Druck. Bei reduzierter Höhe der Bandscheiben ist zu beobachten, dass der Anulus fibrosus (Bandscheibenhülle) erschlafft und sich hervorwölbt. Das von der Degeneration der Bandscheibe betroffene Wirbelgelenk wird überbeweglich. Es kommt zu einer sekundären Instabilität der Lendenwirbelsäule und zu einer schmerzhaften Stenose des Wirbelkanals oder der Nervenwurzeln.

Fakten zu Hydrogel
  • Indikation: Patienten, bei denen die konservative Behandlung von Bandscheibenschmerzen zu keiner Schmerzlinderung führt, können behandelt werden.
  • Operation: Endoskopische Operation mit Hydrogel® unter Bauch- oder Seitenlagerung.
  • Endoskopische (minimalinvasive) Operation durch eine transkutane Hohlnadel hindurch.
  • Einfügung des Implantates unter Röntgenkontrolle.
  • Einfügung des Implantates in den Nukleus (weicher Kern) der Bandscheibe.
  • Behandlungsstrategie: Hydrogel-Komponenten quellen in der Bandscheibe um ein Vielfaches Ihres Volumens auf (Hydratation).
  • Klinische Wirkung: Durch die chemische Pufferwirkung wird der Säuregrad der degenerierten Bandscheibe normalisiert und dadurch der Bandscheibenschmerz vermindert.

Die Hydrogel®-Behandlung kann die Höhe und das Volumen einer degenerierten Bandscheibe wieder vergrößern. Dieses Polymer (langkettiges Molekül) hat eine stark wasserbindende Wirkung. Es zieht wieder Wasser in den ausgetrockneten Bandscheibenkern (Nucleus pulposus) hinein. Damit wirkt diese Behandlung langfristig durch Volumenerhöhung gegen diskogene Schmerzen an der degenerierten Wirbelsäule.

Wann kann das Hydrogel-Verfahren zum Einsatz kommen?

  • Bei Schmerzen, die von Bandscheiben in der Lendenwirbelsäule ausgehen.
  • Die Schmerzursache sollte mittels einer Diskografie (Schmerzuntersuchung) und MRT-Untersuchung gesichert worden sein.
  • Bandscheiben ohne Riss des Faserrings aber auch nach Bandscheibenvorfall mit gerissenem Faserring (Anulus fibrosus) können behandelt werden.

Bedeutung des Hydrogel-Verfahrens zur Augmentation von Bandscheiben

Wirkungen der Augmentation von Bandscheiben
  • Dauerhafte Minderung von diskogenen (bandscheibenverursachten) Rückenschmerzen.
  • Dauerhafte Reduktion von Ischiasschmerzen.
  • Entlastung der Facettengelenke.
  • Stabilisierung der Wirbelsäule (Reduktion von Wirbelgleiten bzw. Spondylolysthesis)
  • Hydrogel lindert Schmerz bei spinaler Stenose und kann als elastischer Ersatz für konventionelle intraspinale Spreizer aus Metall dienen.
  • Keine bekannten Nebenwirkungen.

Etwa 15% aller Erwachsenen haben eine degenerative Bandscheibenerkrankung. Die Erkrankung ist stets verbunden mit einer stark verringerten Fähigkeit des Nucleus pulposus, Wasser zu binden. Bisher gab es lediglich die konservativen Behanldungsmöglichkeiten wie Physiotherapie und Behandlung mit Schmerzmitteln. Diese Behandlungen bringen aber nur eine Erleichterung der Symptome. Auf der anderen Seite gab es das Angebot der Fusion von Wirbelkörpern (Spondylodese) oder der Implantation einer Bandscheibenprothese. Beides sind invasive Verfahren, die sehr tiefgehend in die Struktur der Wirbelsäule eingreifen. Die endoskopische Augmentation der Bandscheibe der Lendenwirbelsäule mit Hydrogel füllt eine wichtige Lücke im therapeutischen Spektrum zwischen der symptomatischen Behandlung und den invasiven Behandlungen. Mit dem Hydrogel Verfahren kann diskogener Schmerz der Lendenwirbelsäule (des unteren Rückens) nach Bandscheibenvorfall oder altersbedingter Degeneration minimalinvasiv durch eine Injektionsbehandlung bandscheibenerhaltend therapiert werden.

Bandscheibenzelltransplatation (ADCT) nach Bandscheibenvorfall

Das Verfahren heißt "Autologe Bandscheibenzelltransplantation" oder ADCT:
A: Autologous
D: Disk
C: Cartilage
T: Transplant

Bei jedem Bandscheibenvorfall gehen Bandscheibenzellen und Bindegewebe des Nucleus pulposus unwiederbringlich verloren. Die Funktion der Bandscheibe wird letztlich getragen durch die Bandscheibenzellen im zähflüssigen Nucleus pulposus (dem weichen Kern) der Bandscheibe. Diese Zellen sind mit Knorpelzellen verwandt. Sie bilden das zähflüssige Bindegewebe des Bandscheibenkerns. Dieses Bindegewebe ist für die Elastizität und die wasserbindenden Eigenschaften der Bandscheibe verantwortlich.

Körpereigene  (autologe) Bandscheibenzellen werden bei der operativen Entfernung des Bandscheibenvorfalls gewonnen. Dann werden Sie in einem Bioreaktor (Labor) vermehrt. Dabei gelingt außerhalb des Körpers unter günstigen Bedingungen, was in der natürlichen Bandscheibe nicht möglich ist: Die Vermehrung der Bandscheibenzellen. In einer minimalinvasiven Operation (Injektion) 6-8 Wochen nach der Entfernung des Bandscheibenvorfalls, werden diese Bandscheibenzellen wieder in die Bandscheibe gebracht und ergänzen die dort noch vorhandenen Bandscheibenzellen. Körpereigene (autologe) Bandscheibenzellen werden bei der operativen Entfernung des Bandscheibenvorfalls gewonnen. Dann werden Sie in einem Bioreaktor vermehrt. Dabei gelingt außerhalb des Körpers unter günstigen Bedingungen, was in der natürlichen Bandscheibe nicht möglich ist: Die Vermehrung der Bandscheibenzellen. In einer minimalinvasiven Operation - einer Injektion - 6-8 Wochen nach der Entfernung des Bandscheibenvorfalls, werden diese Bandscheibenzellen wieder in die Bandscheibe gebracht und ergänzen die dort noch vorhandenen Bandscheibenzellen.

Wenn Bandscheibenzellen bei einem Bandscheibenvorfall verloren gehen, verliert die Bandscheibe auch die Fähigkeit, sich zu regenerieren. Wegen der geringfügigen Ernährung der Bandscheibe (bradytrophe Ernährung) teilen sich Bandscheibenzellen bei Erwachsenen kaum noch.

Fakten zur ADCT-Behandlung
  • Indikation: Bandscheibendegeneration nach Bandscheibenvorfall
  • Strategie: Vermehrung der Bandscheibenzellen außerhalb des Körpers.
  • Operation: Injektion der neuen Bandscheibenzellen.
  • Stationärer Aufenthalt: 2 Nächte zur Überwachung

Eine Vermehrung der Bandscheibenzellen nach Bandscheibenvorfall ist aber wünschenswert: Eine erhöhte Vitalität der Bandscheiben fördert die Wasserbindung und erhöht Elastizität und Volumen der Bandscheibe.

Das Verfahren der autologen Bandscheibenzelltransplantation (ADCT) macht sich nun eine modernes biotechnologisches Verfahren zu Nutze: Ein Teil des bei der operativen Entfernung des Bandscheibenvorfalls entfernten Materials aus dem Inneren der Bandscheibe wird in einem kleinen Bioreaktor in einem Speziallabor unter besonderer Ernährung kultiviert.

Unter diesen Bedingungen bringt man auch die Zellen geringfügig ernährter Gewebe wieder zum Wachsen. Nach 6-8 Wochen ist dann eine große Menge von Bandscheibenzellen entstanden.

Diese Bandscheibenzellen können durch eine relativ einfache Injektion in das Innere der nach Bandscheibenvorfall geschwächten Bandscheibe eingebracht werden. Dort differenzieren Sie sich und bilden wieder neues, wasserbindendes Bindegewebe.

Auswahl und Kombination der bandscheibenerhaltenden Verfahren.

Die hier beispielhaft genannten Verfahren zur Regeneration einer gerissenen Bandscheibe werden nach sorgfältiger Klärung aller Begleitumstände durchgeführt. Diese Verfahren sind auch miteinander kombinierbar. So ist eine Anulus-Prothese (Barricaid®) immer kombinierbar mit einer Bandscheibenzelltransplantation: Sie sichert ab, dass das neu hineingebrachte Material nicht wieder als Bandscheibenvorfall verloren geht. Mit Hilfe dieser modernen minimalinvasiven bandscheibenerhaltenden Verfahren können wir also ein einem relativ frühen Stadium die Alterung der Bandscheibe verzögern und das Regenerationspotential der Bandscheibe auch nach einem schwerwiegenden Ereignis wie dem Bandscheibenvorfall optimal nutzen.

 

 

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